Der deutsche Kolonialismus – ein Überblick

Ab 1884 nahm das Deutsche Kaiserreich überseeische Kolonien und so genannte »Schutzgebiete« in Besitz. Ausgangspunkt waren die Initiativen privater Kaufleute, wie Carl Peters, sowie diverser Kolonialgesellschaften, die aus rein wirtschaftlichen Gründen strategisch wichtige Handelspunkte besetzten. Die Frage, ob das Deutsche Reich Kolonien erwerben sollte, war zunächst umstritten. Reichskanzler Otto von Bismarck hielt es anfangs für ein unnützes und kostspieliges Abenteuer, stellte die Gebiete später doch unter den Schutz des Deutschen Reiches. Mit der Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85 wurden zwielichtig erworbene Rechte privater Gesellschaften an überseeischen Besitzungen zu kaiserlichen »Schutzgebieten« und somit zu einem staatlichen Projekt.

Auf Einladung der deutschen Regierung trafen sich im November 1884 die wichtigsten europäischen Mächte mit Kolonialbestrebungen in Berlin, um über die Aufteilung des afrikanischen Kontinentes zu beraten. In der Folge erhielt das Deutsche Kaiserreich die Kolonien Kamerun, Togo, Deutsch-Südwestafrika (heutiges Staatsgebiet Namibia), Deutsch-Ostafrika (heutige Staatsgebiete: Festland-Tansania, Ruanda und Burundi), Kiautschou in China sowie Samoa und Deutsch-Neuguinea im Pazifik und beraubte die dort ansässigen EinwohnerInnen ihres Eigentums, ihrer Würde und Kultur sowie nicht selten ihres Lebens.(1) Eine historische Eigenentwicklung blieb der einheimischen Bevölkerung verwehrt – sie wurde auf die vornehmlich wirtschaftlichen Interessen der Kolonialherren ausgerichtet und fremdgesteuert.(2)

In fast allen Kolonien stießen die KolonisatorInnen auf mehr oder weniger starken Widerstand der BewohnerInnen. Die deutsche Kolonialarmee schlug jegliche Form des Widerstandes gegen die Inbesitznahme meist blutig nieder. Die zentralen Beispiele für die vielen Kolonialkriege sind der Kampf gegen die Maji-Maji-Bewegung in Ostafrika (1905 – 1907) und der Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Etwa 75 000 Herero und Nama fanden dort 1904/1905 im Krieg gegen die Deutschen den Tod.(3) Offizielle Entschuldigungen von deutscher Seite für diesen Völkermord fehlen bis heute.

Die Kolonialzeit des Deutschen Reichs begann offiziell 1884 und endete mit dem Versailler Vertrag 1919. Die deutschen Kolonien wurden als Folge der Niederlage im Ersten Weltkrieg als Völkerbundmandatsgebiete unter die Verwaltung anderer Kolonialmächte gestellt. Dennoch wurde in der Zeit zwischen den Weltkriegen die Idee des Kolonialrevisionismus eine populäre Strömung, die sich mit dem erstarkenden Nationalsozialismus verband: Die NS-ProtagonistInnen sahen es als Unrecht an, dass Deutschland die Kolonien genommen wurden und drängten auf eine Wiedererlangung des Kolonialbesitzes.(4) Im Dritten Reich wurden die Kolonialvereine zum Reichskolonialbund zusammengefasst und ein Kolonialpolitisches Amt geschaffen.

Auch wenn die Dekolonisierung Afrikas mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als historisch abgeschlossen gilt, wirken die Folgen des Kolonialismus bis heute fort. Im historischen Kolonialismus festigten sich neben politischen und wirtschaftlichen Strukturen auch Vorstellungen der Welt. Die Kategorisierung in Kolonisierende und Kolonisierte lebt in rassistischen Gegensatzpaaren wie Weiß / Schwarz, Naturvolk / Kulturvolk oder auch Entwicklungsland / Industrienation weiter.

  • (1) Vgl. Sebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte. C.H. Beck: München 2008, S. 28 – 34.
  • (2) Vgl. Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen. C.H. Beck: München 1995, S. 19ff.
  • (3) Vgl. Sebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte, a.a.O., S. 53.
  • (4) Vgl. Alexandre N'Dumbe: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas. IKO: Frankfurt 1993, S. ???.
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rechts oben: Wikimedia

Kolonialbesitz
in Afrika 1914

 

 

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