Glossar erklärungs- oder definitionsbedürftiger Begriffe

 

EingeboreneR

Der im Kontext des transatlantischen Sklavenhandels eingeführte Begriff dient zur pauschalen Bezeichnung der in den kolonisierten Gebieten lebenden Menschen. Die Verwendung des Begriffes ruft bis heute Bilder hervor, die das »Andere« u.a. mit »Unzivilisiertheit«, »Barbarei«, »Heidentum« und »Kannibalismus« assoziieren. Gleichzeitig legt der Begriff nahe, dass die so Bezeichneten in den kolonisierten Gebieten lediglich »geboren« sind, jedoch keine Rechtsansprüche auf das Gebiet geltend machen können. Daher vermeiden wir den Begriff in den Texten und ersetzen ihn in Zitaten ggf. durch das Wort »Einheimische«.

Zum Weiterlesen:

Susan Arndt und Antje Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast: Münster 2009.

Ethnologie

Anthropology is the study of anybody shorter and darker than you. Dieser Vorwurf traf lange Zeit auf die Ethnologie zu, die sich früher als »Völkerkunde« bezeichnete und sich die Erforschung »fremder Kulturen« außerhalb Europas zur Aufgabe gemacht hatte. Als solche erfüllte sie auch im Kolonialismus wichtige Funktionen und war eng mit kolonialen Strukturen verbunden. Zum einen erleichterten die europäischen kolonialen Besitzungen den EthnologInnen den Zugang zum »Feld«. Zum anderen erhofften sich die Kolonialbehörden von den EthnologInnen Erkenntnisse und Informationen über die Kolonisierten zum Zweck der besseren Kontrolle.

Diese problematische Vergangenheit wurde in der Ethnologie lange Zeit kaum reflektiert und führte in den vergangenen Jahrzehnten zu heftiger Kritik sowohl innerhalb des Fachs selbst, als auch von VerteterInnen der postkolonialen Theorien. Mittlerweile haben vielfältige Diskussionsprozesse diesbezüglich eingesetzt, und allmählich wendet sich die Ethnologie auch Forschungsfeldern in der eigenen Gesellschaft zu. Dennoch hat ethnologische Forschung nach wie vor häufig exotistische Tendenzen.

Zum Weiterlesen:

informationszentrum 3. welt (Hrsg.): Die Spur des Fremden führt zum Eigenen. Beiträge zur Kritik der Ethnologie. Freiburg 2001.

Im Fokus der Forschung – Die Ethnologie und ihr Objekt. iz3w Nr. 257, Nov./Dez. 2001.

Exotismus

»Exotisch« bedeutet »ausländisch« oder »fremdländisch, überseeisch« und fand im Zeitalter der europäischen Aufklärung und des Kolonialismus Eingang ins Deutsche. Die Objekte der »Exotik« waren daher vor allem die BewohnerInnen der damaligen Kolonien. Sie dienten Weißen EuropäerInnen als Projektionsfläche für eigene Wünsche und Sehnsüchte – wie etwa die Vorstellung, die Kolonisierten seien sexuell freizügiger und lebten »naturverbundener«. Diese wurden somit zu »edlen Wilden« verklärt; gleichzeitig schrieben die EuropäerInnen ihnen auch etwas bedrohliches, unverständliches oder unkontrolliertes zu. Exotismus als »faszinierte Betrachtung des vermeintlich Fremden« sagt somit viel weniger über die Beschriebenen aus als über die Beschreibenden.

Exotismus scheint zunächst nichts mit Rassismus zu tun zu haben: Exotismus betont scheinbar positive Aspekte der »Anderen« und weckt Assoziationen wie Naturnähe, tropische Wärme oder Genuss; Rassismus hingegen wird mit Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt in Verbindung gebracht. Tatsächlich hängen Exotismus und Rassismus jedoch eng zusammen, da die eurozentrische Ästhetisierung und Sexualisierung der »Anderen« implizit auch eine Abwertung in sich trägt. Zum einen transportieren exotistische Bilder immer auch Vorstellungen von Primitivität und »Unzivilisiertheit«. Zum anderen beziehen sie sich ausschließlich auf Menschen aus dem globalen Süden. Exotismus und Rassismus können somit als zwei Seiten derselben Medaille beschrieben werden.

Zum Weiterlesen:

Danielzik, Chandra-Milena und Daniel Bendix: Exotismus. »Get into the mystery …« der Verflechtung von Rassismus und Sexismus

Diebold, Jan: Exotik, Oktober 2011

Imperialismus

Ganz allgemein bezeichnet Imperialismus das Bestreben einer Großmacht ihren politischen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Macht- und Einflussbereich immer weiter in andere (Welt-)Regionen auszudehnen. Der Begriff fasst folglich alle Kräfte und Aktivitäten zusammen, die zum Aufbau und zum Erhalt eines solchen Macht- und Herrschaftsbereichs beitragen. Imperialismus geht demnach über den Erwerb von Kolonien hinaus. Der Begriff wird besonders im Zusammenhang mit der Expansionsbewegung der europäischen Großmächte am Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts gebraucht (in deren Verlauf zahlreiche Kolonien gegründet wurden).

Zum Weiterlesen:

Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen.
C.H. Beck: München 1995.

Kolonialismus

ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit der Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden.

Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen. Den verschiedenen Formen des Kolonialismus ist gemeinsam, dass sie Herrschaftssysteme sind, die auf physischer, militärischer, epistemologischer und ideologischer Gewalt beruhen und durch Kultur- oder »Rasse«-Diskurse legitimiert werden (Castro Varela/Dhawan 2005, 13)

Zum Weiterlesen:

Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen.
C.H. Beck: München 1995.

Castro Varela, María do Mar / Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. transcript Verlag: Bielefeld 2005.

Kolonialrevisionismus

ist der Versuch oder das Verlangen eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden wieder herzustellen.

Die deutsche Kolonialgeschichte endete mit dem Versailler Vertrag zwar als Realgeschichte, jedoch nicht als fortgeführtes Wunschdenken. Schon unmittelbar nach Verlust der Kolonien bekundete die Weimarer Nationalversammlung ihre kolonialrevisionistischen Gedanken. Mit 414 gegen sieben Stimmen legten die Abgeordneten Protest gegen Artikel 119 des Versailler Vertrages(1) ein und forderten die »Wiedereinsetzung Deutschlands in seine kolonialen Rechte«. Auch im weiteren Verlauf pochte eine kleine, aber gut organisierte Gruppe von KolonialrevisionistInnen auf einen (Rück-)Erwerb der ehemals deutschen Kolonien als Siedlungsräume, Rohstoff- und Absatzmärkte. Sie verstand es, die Kolonialfrage in der Diskussion um die internationale Wiederanerkennung Deutschlands nutzbar zu machen. Bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhundert wurde bei vielen die Hoffnung geschürt, die ehemaligen Kolonien wieder in Besitz nehmen zu können. 1943 beendete der im Auftrag Hitlers erlassene Befehl des Leiters der NSDAP-Parteikanzlei, Martin Bormann, jegliche deutschen Bestrebungen auf kolonialem Gebiet. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges flammte die »koloniale Sehnsucht« erneut auf, wurde mit der Unabhängigkeit vieler Staaten Afrikas in den 1960er Jahren wiederum gedämpft. Doch noch heute kann man die Spuren und Folgen eines beständigen kolonialrevisionistischen Gedankengutes erkennen.

  • (1) Wortlaut: »Deutschland verzichtet zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle seine Rechte und Ansprüche in bezug auf seine überseeischen Besitzungen.«

 

Zum Weiterlesen:

Van Laak, Dirk 2005: Deutschland in Afrika. Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 04/2005)

Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen.
C.H. Beck: München 1995.

»Neger«

Der Begriff hielt mit dem Aufkommen der Rassentheorien im 19. Jahrhundert Einzug in die deutsche Sprache und impliziert bis heute eine herablassende Sicht auf Menschen dunkler Hautfarbe. Er beinhaltet eine Vielzahl rassistischer und eurozentrischer Stereotype: Unterlegenheit, Viktimisierung (Darstellung als Opfer bzw. als schwach), Infantilisierung (Zum-Kind-Machen), Triebhaftigkeit und Naturhaftigkeit, insbesondere die übertriebene Darstellung von Sexualität, Kulturlosigkeit.

Wir verzichten auf das Ausschreiben des Wortes, da der Begriff in seiner Verwendung bis heute die ideologischen Vorstellungen, Denkmuster und Hierarchien der Zeit der Sklaverei und des Kolonialismus beinhaltet. Zudem lehnen wir die Verwendung des Wortes in zusammengesetzten Wörtern und Redewendungen ab. Der Gebrauch des Begriffs ist rassistisch, abwertend, reduzierend und diskriminierend. Zahlreiche Sprichwörter, die im Deutschen bis heute gebräuchlich sind, zeugen vom Einfluss dieser abwertenden Konzepte (Kunst, Lebensmittelbranche).

Mit einer unkritischen Verwendung des Wortes werden bis heute diese rassistischen Stereotype transportiert. Rassismus wird durch den Gebrauch des Begriffes kontinuierlich sprachlich hergestellt, der diskriminierende Gehalt und die kolonialistisch geprägte Bedeutungsgeschichte kommen dadurch bis heute zum Ausdruck. Die sprachliche Auseinandersetzung mit Begriffen des Rassismus ist keine bloße Haarspalterei: Das eigene sprachliche Handeln muss hinterfragt werden, da es reale Konsequenzen hat; Rassismus wird auch durch Sprache produziert und wirkt durch sie.

Zum Weiterlesen:

www.derbraunemob.info

dort: »Warum nicht« (pdf-Datei, 349 kB)

Susan Arndt und Antje Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast: Münster 2009.

Panafrikanismus

Panafrikanismus ist eine Bewegung, welche die Einheit aller Menschen afrikanischer Herkunft als gleichberechtigt anerkannte WeltbürgerInnen – befreit von jeglicher rassistischer, kolonialer oder imperialer Unterdrückung – anstrebt. Das Konzept hat seinen Ursprung in der Diaspora Amerikas und der Karibik. Der Beginn der Bewegung kann auf das Jahr 1900 datiert werden, als die erste Panafrikanische Konferenz in London mit TeilnehmerInnen überwiegend aus Nordamerika, Großbritannien und von den karibischen Inseln, aber auch mit einigen wenigen Teilnehmenden aus Afrika eröffnet wurde. Nach 1945 wurden auf dem 5. Panafrikanischen Kongress in Manchester die Forderungen nach Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung durch den Ruf nach Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien ergänzt. Neben einer stärkeren politischen Ausrichtung konzentrierte sich die Bewegung so zunehmend auf den afrikanischen Kontinent.

Panafrikanismus ist nicht nur eine gesellschaftspolitische Weltanschauung, sondern umschließt eine Bandbreite von religiösen, politischen und kulturellen Kräften, die sich auf verschiedenste Weise für gleiche Rechte der Schwarzen Menschen einsetzen. Die dahinterliegende Vorstellung einer Einheit durch geteilte, leidvolle Erfahrung von Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus und alltäglicher Diskriminierung ist dieser Bewegung gemein.

Zum Weiterlesen:

Legum, Colin: Pan-Africanism. A short Political Guide. Frederick A. Praeger: New York 1962.

Meyns, Peter: Panafrikanismus. In: Hofmeier, Rolf und Andreas Mahler (Hrsg.): Kleines Afrika Lexikon. Beck: München 2004, 229 – 230.

Postkolonialismus

Rasse

Der Begriff »Rasse« lässt sich zum einen aus dem arabischen Wort raz (= Kopf, Anführer, Ursprung) ableiten, zum anderen kann er aus dem lateinischen Wort für Wurzel radix stammen. Im 15. Jahrhundert benutzte man ihn zunächst in Bezug auf Adelsfamilien und Pferdezucht. Im Zuge der christlichen Wiedereroberung (Reconquista) der von den Mauren ab 711 eroberten Gebiete der iberischen Halbinsel gewann der Begriff eine neue Bedeutung und wurde zur Unterscheidung von ChristInnen und NichtchristInnen angewandt. Die Merkmalsunterscheidungen bezogen sich also nicht mehr nur auf die Abstammung aus einer edlen Familie – den Abstand zum niederen Volk –, sondern integrierten weitere (sichtbare und unsichtbare) Kennzeichen, wie Religion, Kultur und Herkunft. Im 18. Jahrhundert beginnt die systematische Verwendung des Begriffs vor dem Hintergrund der biologischen Klassifizierung von Menschen, mit der Annahme einer vermeintlichen »Naturordnung«, an deren Spitze die Weißen EuropäerInnen stehen. In der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus wird »Rasse« zum Kriterium der Bestimmung und Auslöschung unwerten Lebens.

Rassismus

Rassismus ist eine Ideologie, die die Überhöhung des Eigenen durch Diffamierung und Ausgrenzung des Anderen und sogenannten Fremden vollzieht und nachhaltig das politische Denken der Moderne beeinflusste.

Doch bereits in der Antike gab Aristoteles der Überlegenheit der griechischen »Völker« die theoretische Basis, wenn er die BarbarInnen, also alle NichtgriechInnen, als zur Sklaverei geboren beschreibt. Im Zuge der in Spanien betriebenen christlichen Wiedereroberung (Reconquista) war die Verfolgung aller NichtchristInnen ab dem 13. Jahrhundert logische Konsequenz. Neben Pogromen und der Inquisition waren Zwangsbekehrungen eines der Mittel, um die Rechristianisierung und Neuordnung Spaniens zu erreichen. Problematisch war für die neuen HerrscherInnen, dass eine Differenz zwischen äußerlich gelebtem Glauben und »wahrer« innerer Identität bestehen könnte. So benötigten sie Instrumente, um die verstecktesten Formen nichtchristlicher (zumeist jüdischer) Zugehörigkeit offen legen zu können, auch noch Generationen nach dem Übertritt zum Christentum. So tritt die Abstammung als zentrales Zugehörigkeitsmerkmal auf den Plan und wird zur Kategorie des Ausschlusses.

Die »rassische« Unterscheidung von Menschen war ein maßgebliches Argument für die Kolonisierungsbestrebungen der letzten 500 Jahre. Eine angenommene Überlegenheit gegenüber den Eroberten rechtfertigte die oftmals brutale Expansionspolitik. Heute bezeichnet der Begriff die mit Macht praktizierte Diskriminierung von Menschen aufgrund einer hierarchischen Einteilung nach bestimmten Merkmalen. Von diesen Kennzeichen wird auf individuelle Fähigkeiten, Eigenschaften und Verhaltensweisen geschlossen. Den so konstruierten Gruppen werden auf diese Weise verschiedene Wertigkeiten zugeordnet – in der Regel der eigenen Gruppe eine höhere, der Fremdgruppe eine niedrigere.

Zum Weiterlesen:

Antidikriminierungsbüro (ADB) Sachsen (Hrsg.): Rassismus in Sachsen. Aktuelle Perspektiven. Leipzig 2010.

Terkessidis, Mark: Psychologie des Rassismus. Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 1998.

Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus. C.H. Beck: München 2007.

Schwarz / Weiß

Die Begriffe Schwarz/Weiß schreiben wir auch in adjektivischer Verwendung groß, um die kulturelle und soziale Komponente in der Verwendung zu markieren. Die Wörter verweisen nicht auf die Hautfarbe, sondern darauf, dass Schwarze Menschen diskriminiert werden, während Weiße von Privilegien profitieren.

Zum Weiterlesen:

»Warum nicht« (pdf-Datei, 349 kB)